Großer Andrang herrschte beim fünften ADHS Fachtag. Organisiert hatte die Tagung das Amt für Jugend und Familien und der Förderverein Gut Erlasee.

Seit vielen Jahren engagiert sich der Verein dafür, Lehrern, Erziehern und Eltern Hilfen beim Umgang mit ADHS anzubieten. Namhafte Dozenten und Referenten zeigten auf, welche Behandlungsmöglichkeiten erfolgreich sind. Bernhard Metz, Vorstand des Fördervereins Gut Erlasee konnte Teilnehmer aus ganz Unterfranken in Binsfeld begrüßen. Das Interesse an diesem Thema war überwältigend.

Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS/ADS) gehört neben der Störung des Sozialverhaltens zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindeshalter. Seit vielen Jahren wird auch eine genetische Disposition diskutiert. Aber auch Gene sind offen für Umwelteinflüsse, Lernen kann Veränderungen in den Genen hervorrufen.

„ADHS kann aber auch erst durch gesellschaftliche Gegebenheiten verursacht werden. Die veränderte Lebenswelt von Kindern, unsere Gesellschaft, die flexible Menschen braucht, die schnell und unmittelbar Leistung auf dem Arbeitsmarkt erbringen müssen, kann auch mögliche Ursache sein. In immer mehr Familien sind beide Eltern erwerbstätig. Die Folge daraus ist eine frühe Trennung von Eltern und Kind, was Auswirkungen auf die Bindung haben kann. Bindungsstörungen begünstigen die Entstehung des ADHS. Dass Eltern sich nicht aus Leichtfertigkeit, sondern meist aus finanzieller Notwendigkeit so verhalten, verweist einmal mehr auf die sozialen Missstände, die zu ADHS führen können. Ziel der Gesellschaft ist es, die Kinder durch die Ausbildung zu flexiblen, schnellen, erfolgreichen Arbeitsmarkt-Menschen zu erziehen, “ so Metz in seiner Begrüßung.

Eine Studie ergab, dass 71 % der Kinder mit ADHS eine belastete Beziehung zu ihren Eltern haben. Unter Gleichaltrigen sind ADHS-Kinder eher unbeliebt und haben entsprechend wenig Freunde. Auch im Kontakt mit Erziehungs- und Lehrkräften entstehen überdurchschnittlich oft Probleme.

Wie wird darauf reagiert? In vielen Fällen reagiert die Schulmedizin, und das sagt auch der Barmer Report, mit Medikamentengabe, weil dadurch schnelle Erfolge erzielt werden können.
Der Fachtag setzte sich bewusst mit alternativen Behandlungsmöglichkeiten auseinander. Die Referenten stellten heraus, dass heute viel zu schnell Medikamente verabreicht werden. Nebenwirkungen, wie Schlafstörungen, veränderte Motorik und Empathie sind negative Auswirkungen und können auch den Charakter des Kindes verändern.

Im Abschlussplenum präsentierten die Referenten die Erkenntnisse und Inhalte der sieben Workshops:
Prof. Dr. Hans Biegert (HEBO-Schule Bonn) stellte verhaltenswirksame Interventionsmaßnahmen für Lehrer und Eltern vor. Aus der schulischen Praxis wurde in drei Workshops anschaulich erklärt, welche Verhaltensweisen des pädagogischen Personals im schulischen Alltag zum Erfolg führen. Dabei sind besonders zielführend Konsequenzen im erzieherischen Verhalten. Viele praktische Tipps und Szenen aus dem Lehreralltag zeigen auf, wie bei Störungen und Störverhalten pädagogisch verfahren werden kann. Insbesondere ging er auf die Bedeutung des Klassensozialklimas für die Unterrichtsatmosphäre ein.

Dr. med. Christel Kannegießer-Leitner erstellt Therapieprogramme für entwicklungsauffällige Kinder. Sie entwickelte die Psychomotorische Ganzheitstherapie (PMG) und integrierte die HEG-basierte (Hämoenzephalographie) Neurofeedback-Methode in ihren Therapieformen. In ihrem Workshop erläuterte sie die Methode. Hier wird die Veränderung der Durchblutungsintensität im Frontalhirn gemessen und durch Training positiv verändert. In ihren Ausführungen machte sie den Eltern und Erziehern Mut, den Kindern in der Erziehung klare Grenzen und Strukturen zu geben, und bei Misserfolg nicht sofort Psychostimulanzien zu verabreichen. Für den Alltag in der Erziehung von ADS/ADHS-Kindern machte sie deutlich, dass Eltern beim Umgang der Kinder mit Fernsehen und digitalen Medien klare Absprachen treffen sollen. Eltern haben einen großen Einfluss auf den Medienkonsum der Kinder. Übermäßiger Medienkonsum gehört zu verstärkenden Faktoren für ADHS. Untersuchungen hätten gezeigt, dass in Deutschland um 22 Uhr noch 800.000 Kinder im Kindergartenalter vor dem Fernseher sitzen. Diese Zahlen schockieren und sollten uns alle wachrütteln, damit wir unseren Kindern, mit und ohne ADHS, einen richtigen Umgang mit den Medien vermitteln.

Der Ergotherapeut Oliver Künzel, stellt die allgemeine Funktionsweise von Neurofeedback und Grundlagen des Nervensystems unter der Berücksichtigung der ADHS-Problematik mit praktischen Beispielen vor. Die EEG-basierte Anwendung verhilft dem Gehirn zu einer besseren Kapazität für seine Selbstregulation und erhöht die Fähigkeit zur Selbstkontrolle durch Rückmeldung seiner Hirnaktivitäten. Ziel dieser neurofeedback-basierten Therapie ist es, in Frage kommende Schülerinnen und Schüler in die Lage zu versetzen, gezielt durch innere Anstrengung einen neuronalen Zustand zu generieren, der es ihnen ermöglicht, Aufmerksamkeit aufzubauen und in der Folge konzentrierter am Unterricht teilnehmen zu können. Grundlage dabei ist der wissenschaftliche Erkenntnisstand, dass der Zustand erhöhter Aufmerksamkeit und intensiverer Konzentration mit einem dezidierten Gehirnstrommuster korreliert. Diese Verfahrensweise wurde praktisch demonstriert.

Andreas Arnold (Heilpraktiker und Fachkrankenpfleger für Kinder und Jugendpsychiatrie) stellte das Pilotprojekt „Supermannschaft“ an einer Schule in Würzburg vor. Es wurde der pädagogische Umgang mit ADHS-Kindern als Ergänzung bzw. Alternative zur medikamentösen Therapie im Schulalltag getestet. Das Programm basiert auf den drei Elementen: Sport, Werte und Gemeinschaft. Ein wissenschaftlich fundiertes Sport- und Ernährungsprogramm ist Basis für die Gesundheit. Superkids lernen, ihre Kräfte zu kontrollieren und sinnvoll einzusetzen. Zuckerarme Ernährung und geregelter Multimedia-Konsum verbessern die Sinnesverarbeitung, regulieren den Energiestoffwechsel und verhelfen zu Ausdauer und Konzentration.

Werte sind das Grundgerüst der Supermannschaft: 1. Gerechtigkeit – fairer Umgang miteinander, 2. Tapferkeit – Mut zu Veränderungen, 3. Besonnenheit – Kontrolle aller Fähigkeiten, 4. Weisheit – Neugierde auf Wissen.

Gemeinschaft: Nach dem Vorbild echter Superhelden, wie der „League of Justice“ und „The Avengers“, bildet die Supermannschaft eine Gemeinschaft, die mit vereinten Kräften gegen die Superschurken in ihrem Inneren ankämpft: Trägheit, Angst und Zorn. Denn das Gute gewinnt immer.

Der Workshop von Heilpädagoge Wolfgang Seidenfaden beschäftigte sich mit der richtigen Kommunikation bei verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen mit ADHS-Diagnose. Kinder mit impulsivem Verhalten sind leicht ablenkbar, haben Schwierigkeiten aufmerksam zu sein. Sie stellen Eltern, Lehrer und Erzieher oft vor erhöhte Herausforderungen im Miteinander.
Der Alltag mit betroffenen Kindern beinhaltet viele besondere Anforderungen beim Einhalten von Regeln und beim guten Zuhören, konzentriert bei der Sache bleiben und beim wertschätzenden Umgehen miteinander. Oft stehen AD(H)S Kinder vor der Schwierigkeit, Dinge kommunikativ auf den Punkt zu bringen, sie sind entmutigt und frustriert, weil sie sich oft kritisiert oder ausgegrenzt fühlen.

„Wir brauchen im Umgang mit Kindern eine auf sie zugeschnittene Sprache, die es erleichtert, Zugang zu ihnen zu bekommen und den Kindern hilft, Botschaften in der Kommunikation miteinander besser sortieren zu können“, formulierte Wolfgang Seidenfaden seine Botschaft an die Zuhörer.

In seinem Grußwort brachte der amtierende Bürgermeister Franz Josef Sauer die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit solcher Fachtagungen zum Ausdruck und freute sich über den regen Zuspruch der Tagesveranstaltung. Bernhard Metz bedankte sich bei allen, die bei der Organisation geholfen haben, beim Team des MGH um Stefanie Heßdörfer und dem Kita Team unter Leitung von Margot Leppig für die Kinderbetreuung. Auch im kommenden Jahr wird wieder daran gearbeitet eine Fachtagung auszurichten.

Unterstützt wurde der ADHS Fachtag von der KEG (Katholische Erziehergemeinschaft), dem Lions Club Karlstadt, der Sparkasse Mainfranken und der Raiffeisenbank Main-Spessart e.G.


Foto (Inge Rauch): Vortrag mit Heilpädagoge Wolfgang Seidenfaden.